Von Andrea Liebers

In Villingen-Schwenningen, diesem schönen kleinen Ort am Fuße des Schwarzwaldes, ist die Familie zu Hause, die Will-Spilles besitzen ein kleines Häuschen mit Garten. Die Garagen, die dazugehörten, hat Uwe Spille in knochenharter Eigenarbeit zu einem Meditationsraum ausgebaut. Das kleine Zentrum wurde im Sommer 2005 von Sangye Njempa Rinpoche eingeweiht und bekam den passenden Namen: „Raum zum spontanen Nutzen für andere“. Darin versammeln sich jeden Dienstag einige eifrig Meditierende, die froh sind, endlich einen Ort zu haben, an dem sie sich treffen können.
Doch zurück zur Küche... Irgendwie spürt man es doch immer sofort, wenn sie das Zentrum des Familienlebens ist. Bei den Will-Spilles jedenfalls ist es so: Hier werden Probleme, die anfallen, diskutiert, hier lernt man die Freunde und Freundinnen der Kinder kennen, hier versammeln sich die Sanghamitglieder zum Kaffee- oder Teetrinken, hier wird gelacht und gesungen. Gesungen wird tatsächlich viel, denn Uwe Spille, das männliche Oberhaupt der Familie, ist von Beruf Clown und Liedermacher. Es vergeht kein Tag, an dem Uwe nicht irgendeinen Song lauthals zu schmettern hat, um ihn zu üben oder weil er gerade seine kreative Phase hat und sich im schöpferischen Schwung nicht bremsen kann. Für die Familie ist das normal. Neben seinem kabarettistischen und schauspielerischen Talent hat er auch eine gute Portion Humor, was vor allem den Sommerkursen in Almuthen, dem Europa-Zentrum von Tenga Rinpoche, dem tibetischen Lehrer der Familie, zu Gute kommt. Wer Uwe Spille bei der jährlich stattfindenden Sommerparty auf dem Kurs mit Tenga Rinpoche schon als „Spülopa“ – eine nachfolgende Inkarnation von Tilopa - kennen gelernt hat, weiß, wovon ich schreibe. Wenn Spülopa seinen segenspendenden Putzlappen schwingt, bleibt kein Auge trocken. Ariane Will ist bodenständig genug, um die clownigen Temperamentsausbrüche ihres Gatten zu ertragen, man lernt im Buddhismus schließlich auch, Geduld zu üben – und die hat Ariane jede Menge schon von Berufs wegen: sie ist als Erzieherin und Fachwirtin für Organisation und Führung stellvertretende Leiterin einer Kindertagesstätte und kümmert sich dort Tag für Tag mit ihren 22 Kolleginnen um das Wohl von 110 Kindern.
Aus ihrer ersten Ehe bringt sie die drei inzwischen erwachsenen Töchter Anna (24), Thea (23) und Christin (20) mit, von denen keine mehr zu Hause wohnt. Anna lebt in Neuseeland und hat dort ihr Studium der Kommunikationswissenschaften abgeschlossen, Thea studiert in Freiburg Pädagogik und Christin seit kurzem in Aachen Medizin.


„Dass ich deshalb nicht in den Religionsunterricht gehe, ist eigentlich langweilig“, antwortet Henrike kess und rückt ihre Brille zurecht, „aber meine Freundin ist beim Islam, da dürfen wir beide dann zusammen in eine andere Klasse, das macht meistens auch Spaß.“ „Die anderen wissen also, dass du Buddhistin bist. Fragen die manchmal, warum?“, forsche ich nach.
„Nö“, bekomme ich zur Antwort, „oder doch, manchmal wollen sie wissen, wie man das macht, Buddhist sein.“
„Und was antwortest du dann?“, bohre ich weiter. „Meditieren“, sagt Henrike und schaut mich aus großen Augen ein bisschen vorwurfsvoll an. Was wohl so viel heißen soll wie „was denn sonst“, Ich merke, sie hat wohl andere Fragen erwartet. Trotzdem lasse ich nicht locker: „Und wie geht meditieren?“
„Man sitzt rum und denkt an nichts“, antwortet die Kleine und gleich sprudelt sie weiter: „Ich bin die einzigste in der Familie, die an Nichts denken kann, das kann nicht mal der Papa!“ Nach einigem Nachdenken fällt ihr noch etwas eher nicht so Positives ein. „Manchmal machen sich die anderen Kinder auch lustig über mich, weil ich keine Tiere töte. Sie sagen dann, die Ameise da, die war bestimmt deine Oma und so. Aber ich finde es wichtig, dass man keine Tiere tötet. Es ist nicht gut, anderen weh zu tun, und ich will nicht, dass es Tieren wegen mir schlecht geht, und vor allem nicht, dass sie durch mich sterben müssen.“
Jetzt wird Simon unruhig, er will auch etwas sagen. „Ich finde es gut, dass ich Buddhist bin!“, erklärt er provokativ und reckt sein Kinn in die Luft. Ich nehme es ihm sofort ab, denn er strahlt trotz seines zarten Alters von 10 Jahren etwas sehr Gefestigtes aus. „Was wisst ihr denn vom Buddhismus?“, frage ich weiter, und schaue Simon dabei erwartungsvoll an. „Wir glauben da an den Buddha“, erklärt er mir, „der ist erleuchtet“.
„Was bedeutet erleuchtet?“, will ich wissen. „Das heißt, dass er seinen Tod überwunden hat, er hat sich von der Welt befreit, sich davon abgeschnitten. Er hat sich mit dem Leiden beschäftigt, mit Armsein, Krankheit und Sterben und hat das alles überwunden. Außerdem ist es wichtig, dass man nicht so viel an sich selber denkt, sondern an andere, denen es schlechter als uns geht, und dass man versucht, denen zu helfen.“
Nach dieser Kurzbetrachtung des Buddhistseins reicht es den Kindern, sie wollen wieder spielen gehen, aber dann fällt ihnen noch etwas ein, was sie mir unbedingt mitteilen wollen. Nämlich das Thema Wiedergeburt, das sie das ganz viel beschäftigt. Henrike meint, dass sie im früheren Leben ein Elefant war, „weil ich immer so laut bin“, ergänzt sie und fügt hinzu: „Bestimmt war ich kein Mensch, denn um als Mensch geboren zu werden, muss man ganz viel Gutes tun. Man muss auch aufpassen, dass man sich jetzt bemüht, nicht viel Schlechtes zu tun, solange man Mensch ist, denn man kann schnell und überall sterben.“
Simon nickt zustimmend und meint: „Ich war bestimmt im früheren Leben ein Fuchs. Weil ich so schnell bin. Ich kann auch gut ausweichen und ich bin gut beim Fangen. Ich war sicher auch kein Mensch!“, versichert er mir, duckt sich unter dem Tisch durch und ist fuchsschnell aus der Küche verschwunden. Henrike ist da nicht so flink, war ja auch eine Elefantin, was mir jetzt auch vollkommen einleuchtet, aber alleine will sie auch nicht mit den Erwachsenen in der Küche bleiben und folgt gemächlich ihrem Bruder.

Christins Mutter lacht und wirft einen überraschendes Statement ein: „Deshalb war die Erziehung der Kinder auch einfach!“
Selbst Christin schaut verdutzt und ich frage nach: „warum einfach?“
„Alle drei Mädchen hatten als Jugendliche eine extrem gute Verbindung mit Tenga Rinpoche, er war ihr Halt und ihr Ratgeber. Wenn etwas Wichtiges war, sind sie mit ihren Fragen zu ihm gegangen. Und tatsächlich haben sie seinen Rat immer befolgt. Es gab bei uns selten die sonst üblichen nervenaufreibenden Pubertätskämpfe.“
Ein tibetischer Rinpoche vom fernen Dach der Welt als Erziehungshelfer und Therapeut für höchst moderne krisengeschüttelte Jugendliche?, geht es mir durch den Kopf, ich will weiterfragen, was für Hifestellungen Tenga Rinpoche denn konkret gegeben hat, doch da berichtet Christin schon von sich aus ein Beispiel: „Als ich mit der Schule fertig war, wusste ich überhaupt nicht, wie es weitergehen sollte. Vielleicht eine Weile in Asien herumreisen und dann ganz lang Retreat machen, das wäre eine Möglichkeit für mich gewesen. Und dann Heilpraktikerin werden, oder Traditionelle Chinesische Medizin lernen. So Ideen hatte ich im Kopf, aber richtig sicher war ich mir mit nichts. Also habe ich mit Tenga Rinpoche gesprochen, und er hat ganz klar gesagt, dass ich Medizin studieren soll. Dass jetzt erst mal lernen und eine gute Ausbildung haben angesagt ist, und nicht meditieren oder in der Welt rumreisen. Ich könnte ein paar Monate in sein Kloster nach Katmandu kommen, halb als Urlaub und halb um ins Klosterleben reinzuschnuppern, aber dann sollte ich mich richtig 100 % dem Studium widmen, hat er gesagt. Und das hab ich getan. Ich war sieben Monate in Asien und jetzt studiere ich.“
Christin sieht etwas gequält dabei aus. „Ist es anstrengend?“, frage ich nach.
„Ja, schon. Ungewohnt. Wir schreiben so viele Klausuren, ich muss so viel lernen.“
„Wissen deine Kommilitonen, dass du Buddhistin bist?“ Christin schüttelt den Kopf. „Nein, das behalte ich erst mal für mich. Allerdings finde ich es schwer, alleine für mich den Buddhismus präsent zu halten, das war hier daheim leichter, hier habe ich es automatisch einfach so mitbekommen. In Aachen muss ich es mir richtig neu erobern. Obwohl ich das auch ganz gut finde, denn es gab auch schon Zeiten, da habe ich nur noch aus Gewohnheit meditiert, fast wie eine Pflicht. Seitdem ich weiß, dass man da hineinrutschen kann, checke ich meine Motivation viel genauer. Aber ich bin auch ziemlich selbstkritisch!“, sagt sie und lacht.
„Stimmt“, mischt sich nun ihre Mutter ein, „du bist von den drei großen Mädchen die, die wirklich alles ganz gründlich bedenkt.“
Obwohl Thea und Anna, die beiden anderen Töchter aus erster Ehe, auch Buddhistinnen sind, setzen sie sich nicht so intensiv und kritisch damit auseinander, für sie stimmt es einfach, sie haben ein gutes Gefühl damit, erzählt Ariane. Irgendwie herrscht bei den Will-Spilles eine Art buddhistischer Familienschwingung, auf die man sich einfach einlassen kann, es aber nicht muss. Denn tolerant sind sie allemal, keine Frage. Bekehrt wird keiner, das versteht sich von selbst. „Der Dharma ist bei uns eine Art Folie, die bei allem Tun im Hintergrund durchscheint, der Dharma ist uns Bezugspunkt, und wenn etwas nicht gut läuft, oder wir Schwierigkeiten mit etwas oder untereinander haben, dann versuchen wir, zu überprüfen, warum etwas schief läuft. Sollten wir mehr Geduld haben? Ist jemand zu sehr auf sich fixiert? Ist jemand frustriert, weil er nicht wahrgenommen wird?“ All das wird in der Familie offen besprochen – an ihrem Lieblingsplatz, in der Küche. Eine ganz normale Familie eben – mit buddhistischer Hintergrundsfolie.